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  heft 9, frühjahr 2003

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heft 9: textauswahl


Ellen Strobel

Der Mohn behauptet sich
zwischen gewaltigen Schienen.

mir schien
daß ich ihn bewundern sollte.

aber was tut er danach?

warten auf nächste Züge aus beiden Richtungen?

nur
das vorbeirauschende Publikum
                          beglückt zu sehn.

von allerherrgottsfrüh
bis der Sonnenuntergang ausgeschlafen hat.

das Zarte überlebt zäh
und alles was nichts zu suchen hat
in tiefen Schlaf verfällt.



Rupprecht Mayer

Tag der Degradierung

An diesem Tag füllte seine Frau die Kondensmilch nicht in ein Kännchen, sondern stellte die Dose auf den Tisch. An diesem Tag rief ihn sein Anwalt nicht selbst an, sondern überließ das seiner Sekretärin. An diesem Tag blieb die Tür des Busses geschlossen. Er entdeckte, daß er mit nackten Beinen und nacktem Unterleib an der Haltestelle stand.

Aufbruch

Sie wußte sehr wohl, was sie nicht tun durfte. Sich nicht hinlegen zu traumlosem Schlaf! Oder die Finger sinken lassen, daß sie auf den Boden deuteten. Wasser trinken aus Gläsern. Es lag alles an ihr, sie wußte, daß er auf sie wartete. Die Klumpen abstreifen, den Schlamm zurücklassen, und sei es in den Kissen. Beim Blut die Liter nicht zählen, wieviel hat der Mensch. Ob in der Nacht oder jetzt, oder morgen an der Ecke, jede Tageszeit war günstig, nicht daran lag es. Sie hatte das Talent, leicht zu sein. Die Papiere mußte sie zerknüllen, die Kleider spenden, ihren Namen abmelden, die Medizin verschütten, die Brille zerbrechen. Immer wieder schloß sie die Augen, um unter den Lidern Flecken des Blaus zu sehen, dessen Fülle sie erwartete. Es war klar, daß sie fliegen konnte. Aber auch, daß ein Preis zu zahlen war. Ihre Finger sollten Abschied nehmen von den Grasbüscheln, vom Sand, von den Steinen. Und, was sprach schon dagegen, von einem Stück Haut. Der Lampenschirm bot sich an dafür, sein feines Leder war warm vom Licht.



Ondine Dietz

der supermarkt macht mich auf und weint und schneit in mich hinein mit essen und
etiketten und geraschel aus schachteln
mein ellenbogen vergiftet sich lebensvermittelt an der rostbraunen farbe der
wurst an der grünen farbe
die nicht für uns nicht für uns pistazien auf die wand gemalt hält
nur rosa joghurtbecher lassen sich kühlthekenfrisch anfassen
wie kann man die kreatur mehr verspotten als aus milch eine rosarote zahnpasta
bauen
drinnen lauter geschrumpfte herzchen der barbiepuppen
ausgepeitschte erdbeere
kuhle wampe
die sich diese hautcreme von ken hat vom körper schlecken lassen
der war nicht gewarnt vor einer heiligen nutte mit PVC geruch
auf meiner zunge dagegen im braunen nutellatropfen dort wo teddybär
auf die knospenbeete drückt wie mit einem topf honig im arm ein bild von dir so
plötzlich
durchfährt mich wie ein süßer schrei springt mir wie eine glucose sonne ins
labyrinth des
proteinohres wo sie vergammelt überzuckert basta
in der strassenbahnhaltestelle schau ich in menschen rein
das licht schwanger von vanille-impulsen und grüner tee-impulsen und
melonen-impulsen
kriecht aus unter ihren achseln hervor und torkelt zwischen ihnen
blankgewienert wie fensterscheiben riechen sie in den abend rein und raus
auch nach vionell-intimitäten die ich mir gar nicht vorzustellen wage
ich seh dich da wenn ich durch ihre geputzten fensterscheiben schaue wie du
besuche machst
tee trinkst die beine über kreuz geschlagen
ehrfürchtig machen sie das kreuzzeichen im mund mit der zunge
auch wenn sies nicht wissen
man wird diese hosenbeine für heilig erklären
sie werden baumeln an ketten um hälse
und stehen auf schreibtischen neben kinderfotos und pferdeporträts

und mein saures gesicht dieser zeit in klein
wird den nabel aller menschen die kommen zieren



replay von mischa lucyshyn:

du nimmst dich als stein
aus der brust
anderer menschen
noch ehe er fällt
errichtest dir diesen wall
auf dem du reitest
geschlossenen auges
im nachtschatten geängstigter liebe

dazu tanzen die tanten im brackigen wasser
es rudert der vogel den topf aus emaille
in jenen entfernteren hafen
und all die müden blumen
die haben müden tod
so singt er und schaukelt
gelb
über den horizont
vom hufschlag getrieben
vom hufschlag
auf dunklem gestein

aus deinem mandelkern
wächst junge furcht
violett
in die nacht
steigt wasser und leckt
mit belegter zunge am stein
und all die müden ...
die tanten mit hohler brust
schwimmen wie korken
du wirfst steine nach ihnen
sie lachen

du reitest und reitest
türmst steine auf stein
...die haben müden tod
ihre schatten schlagen nach wasser
du öffne die augen
und schwimme
ganz kork

(replay to "die tanten..." von Ondine Dietz, außer.dem 8)



replays von buh:


mit wittgenstein

ein einzigmal ist jeder mal allein und wenn ich mir was wünschen dürfte wär’s ein fleck von einzigem blassblau mit reissverschluss dass die silberschuppen bleiben. vom sternschlucken. vom mondreissen. das sag ich unterm horizont wo aber der grosse und der kleine hund dem jäger ebenso treu folgen wie im land der unbegrenzten.

(IM MOMENT WO ICH EIN VERB BENUTZE ZEIGE ICH ABSICHT)

komm her und verbind mir die augen. damit ich dich besser hören kann.

(replay to "sternengeheul" von romea i. mittgenstein, außer.dem 8)


fading

die form der welt schneidet uns inzwischen schmerzhaft ins kreuz. das volk sprüht den rest der mauer vom himmel. was du von thales träumst erinnert sinus und schoß.

zeitige hände kippen pläne ins bett. für die zeit vor dem mögen.

(replay to "danach" von sissy de leu, außer.dem 8)

ohne titel
ich weiss von dir im mittelohr. meine spuren sind lange zu lesen. zistrosen wachsen am fuss mir. eine stelle ist frei für den nächsten.

(replay to "tipi" von ellen strobel, außer.dem 8)




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